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  Fall Nr. 792 - REANIMATION IM KREISSAAL

PeriFACTS
Fall Nr. 792
FALL: REANIMATION IM KREISSAAL
Editor-in-Chief:
James R. Woods, Jr., M.D.
Überarbeitung:
Univ. Prof. Dr. Christian Egarter
Universitätsklinik für Frauenheilkunde
Abteilung für Forschung und Ausbildung

Lernziele für den STRONG-PeriFACTS-Fall Nr. 792:
Nach dem Durcharbeiten sollte der Leser fähig sein,

  • Maßnahmen aufzuzählen, mit denen Hebammen/Geburtshelfer sich auf kritische Situationen in einem modernen Kreiszimmer vorbereiten können.
  • die verschiedenen Reaktionen von Familienmitgliedern zu beschreiben, die während einer Reanimation eines Neugeborenen auftreten können und Techniken zum Umgang mit diesen Reaktionen zu beschreiben.
  • zu erklären, wie wichtig eine genaue Dokumentation dieser Ereignisse ist und wie diese zum Abschluss einer Akutversorgung im Kreiszimmer gehört.

EINLEITUNG

Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Ihr Kreissaal-Bereich wurde renoviert und einige neue Kreiszimmer wurden geschaffen. Ihre Schwangeren müssen nun nicht mehr in einem kleinen, fensterlosen Raum wehend auf die Geburt warten, um dann in einen Kreissaal, der einem Operationssaal ähnelt, gebracht zu werden. Das traditionelle „Spitalsambiente“ eines Kreiszimmers gibt es nicht mehr. Stattdessen sind Kreiszimmer heute meist mit einem normalen Bett ausgestattet, das für eine Geburt verändert werden kann und eventuell sind Schubladenkästen, Spiegel etc. vorhanden oder die Wand ist mit Bildern dekoriert und möglicherweise gibt es sogar Liegesessel oder Kühlschränke.

Die gesamte Einrichtung sollte eine häusliche Atmosphäre vermitteln. Auch die früher traditionellen Kreissaal-Rituale wie Rasieren der Schamhaare, routinemäßige Verabreichung eines Einlaufs, Routine-Episiotomien, Zulassung von nur einem Familienmitglied während der Geburt oder noch schlimmer von überhaupt keinem Familienmitglied während einer Geburt oder im Operationssaal sind passé. Das Aussehen des neuen Kreiszimmers gefällt Ihnen. Sie stimmen zu, dass die gesamte Familie der Schwangeren bei der Geburt dabei ist und sind bereits aufgeregt, ihre erste Geburt in dieser neuen, renovierten Umgebung durchzuführen. Die Kameras der Familienangehörigen klicken, die Videokamera hält jeden Augenblick fest. Wie aufregend, dass die gesamte Familie bei dem freudigen Ereignis dabei ist, wenn der Kopf des Kindes geboren wird. Sofort nach der Geburt erwartet jeder, dass das Kind kräftig schreit. Es wird routinemäßig kurz abgesaugt und dann der Mutter zum Wärmen und unmittelbaren Hautkontakt auf den Bauch gelegt. Unglücklicherweise geht Ihre erste Geburt in diesem neuen Kreiszimmer vollkommen schief.

FALLBERICHT

Nach einer unauffälligen Schwangerschaft kommt es bei Frau K.H. zum spontanen Einsetzen der Wehen am Termin. Sie und ihr Mann kommen in ein Bezirkskrankenhaus der Stufe II und werden in ein Kreiszimmer wie oben beschrieben aufgenommen. Die Geburt verläuft zunächst normal und die Austreibungsperiode ist etwa 1 Stunde. Aus eher unklaren Gründen wird die Auskultation der kindlichen Herztöne zunehmend schwierig und der Geburtshelfer entscheidet sich zu einer Vakuumentbindung und zwar nicht wegen eines akuten Problems, sondern eher wegen seines persönlichen Wunsches, die Geburt endlich zu beenden. Die betreuende Hebamme beschrieb die kindliche Herzfrequenz während der Auskultation als völlig unauffällig.

„JEDE MENGE SCHWIERIGKEITEN“

Das Kind von Frau K.H. wird problemlos geboren. Zwei Sätze werden fast gleichzeitig geäußert: „Es ist ein Bub“, sagt der Geburtshelfer und „Wieso schreit er nicht“, fragt besorgt die Mutter. Der Kindesvater, Herr D.H., steht daneben und wird plötzlich kollaptisch. In den nächsten Minuten beginnt ein chaotisches Durcheinander an Aktivitäten, wie er sich erst im Nachhinein erinnert. Eine Hebamme sagt zu ihm: „Man kümmert sich um Ihr Kind, Sie müssen sich auf Ihre Frau konzentrieren.“ Zu diesem Zeitpunkt hat Herr D.H. auch mit dem Filmen der Geburt seines Sohnes aufgehört, hat aber später noch einige Bilder gemacht. Irgendjemand sagt zu Herrn D.H., dass sein Sohn ziemliche Probleme hat und Herr D.H. fühlt sich einer Ohnmacht nahe. Dann erinnert er sich noch, dass eine Schwester meint: „Es tut uns leid, aber wir konnten nichts machen.“ Seine Frau heulte und Herr D.H. will einen Priester und muss sich dann niedersetzen.

DAS TRAUMA UNERWARTETER VORFÄLLE

Was Sie gerade gelesen haben, ist die Beschreibung des Kindesvaters D.H. 3 Jahre nach der Totgeburt seines Sohnes. Seither waren noch 2 erfolgreiche Geburten von 2 weiteren Söhnen und es handelt sich um eine glückliche Familie, die aber trotzdem niemals das Trauma des völlig unerwarteten Todes ihres Sohnes Matthias vergessen wird.

Auch die betreuenden Ärzte werden einen plötzlichen unerwarteten Todesfall von einem Kind nicht vergessen und niemand kann den unauslöschlichen, schrecklichen Eindruck und die Enttäuschung einer derartigen unerwarteten geburtshilflichen Katastrophe leugnen. Allerdings sollte der Lerneffekt eines derartigen Falls für Hebammen und Ärzte in einem Kreissaal nicht unterschätzt werden. Es gibt umfangreiche Bücher über die Reaktionen bei Schwangerschaftsverlust und die damit verbundene tiefe Trauer.1 Weniger Aufmerksamkeit wird allerdings den kritischen Minuten geschenkt, währenddessen die Familie das geburtshilfliche Team bei der verzweifelten und manchmal nicht erfolgreichen Reanimierung ihres Kindes beobachtet.
Diese kritische Periode und die Rollen der beteiligten Personen sollten das Thema des vorliegenden Peri-FACTS-Falls sein.

Wohlfühlen versus Versorgung in kritischen Situationen

Während moderne Kreiszimmer das sichtbarste Zeichen der Familienorientierung bei der Geburt eines Kindes sind, wird leider der Reaktion von Familienmitgliedern auf unerwartete Ereignisse meist weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Es gibt zwar zahlreiche Publikationen in der Literatur über die Reaktionen von Familienangehörigen, die eine Reanimation eines Kindes auf der neonatalen oder pädiatrischen Intensivstation beobachteten. Intuitiv nimmt man zwar eine gewisse Ähnlichkeit mit vergleichbaren Interventionen in einem Kreiszimmer an. Aber die Vorstellung von einer Intensivstation ist mit einer ernsten Erkrankung verbunden. Im Gegensatz dazu wird auch ein modernes Kreiszimmer mit „neuem Leben“, Gesundheit und Wohlfühlen verbunden. Das Auftreten eines plötzlichen Kindestodes oder die sofort notwendige Wiederbelebung erscheint in einem Kreiszimmer meist von ärztlicher Seite akzeptiert, wird aber in der Praxis von den Hebammen und Schwestern natürlich weniger oft antizipiert als auf einer Intensivstation, die ja eine Akutversorgungseinheit darstellt.

Vorbereitung auf unerwartete Zwischenfälle

Einige Basiskonzepte sollten vom verantwortlichen Personal in einem modernen Kreiszimmer bezüglich unerwarteter Zwischenfälle in dieser üblicherweise nicht für die Akutversorgung gedachten Umgebung in Betracht gezogen werden. Erstens kann das Wohlfühl-Ambiente in der Geburtshilfe rasch in eine kritische Situation umschlagen und ein erwarteter glücklicher Familienmoment zu einer unerwarteten und nachfolgend sehr traumatisierenden Situation für die Familie werden. Zweitens können Reaktionen von Familienmitgliedern und retrospektiv erinnerte Vorgänge in dieser Veränderung, die sich innerhalb von Sekunden oder Minuten abspielen, unvorhersehbar sein und deshalb die individuelle Aufmerksamkeit erfordern. Drittens sollte eine Person einen Überblick über alle Aktivitäten der gesamten Gruppe der beteiligten Personen von ärztlicher Seite, Familienmitglieder und natürlich der Patientin selbst haben. Und letztlich müssen während der ersten Tage nach diesem Ereignis die Familienmitglieder über die Vorgänge und die Reanimationsversuche aufgeklärt und beraten werden. In derartigen Beratungsgesprächen sollte man die Personen auffordern zu beschreiben, was und wie sie die Handlungen des medizinischen Personals erlebt haben. Die Gründe für die Analyse all dieser Aspekte könnten auf den ersten Blick nicht klar sein. Im Weiteren werden deshalb einige diesbezügliche Umstände näher beschrieben.

VORBEREITUNG AUF MEDIZINISCHE UND PSYCHOLOGISCHE KRISEN

Die Geburt wurde als der einzige physiologische Prozess bezeichnet, der eine gesunde Frau ins Spital bringt. Die vorherrschende Atmosphäre ist normalerweise eher fröhlich im Vergleich zu der in anderen Abteilungen des Spitals. In einem modernen Kreiszimmer ist es verständlich, dass das medizinische Personal durch die Schwangere und ihre Familienangehörigen als entspannter und eher zwangloser empfunden wird, als es tatsächlich ist. Aus der Perspektive der Schwangeren und ihrer Familie ist dies eine entwaffnende Umgebung, die bezüglich der Erwartung und des Glücks einer normalen Geburt unterstützen soll. Im Gegensatz zu den meist ahnungslosen Patienten muss das medizinische Personal aber für unvorhersehbare Situationen gerüstet sein. Bei einer Frau mit nicht diagnostizierter Epilepsie kann es plötzlich zu einem Anfall kommen, es kann zu einem Abfall der kindlichen Herzfrequenz kommen oder ein Neugeborenes wird blau und schlaff geboren. Um unerwarteten Notfällen wie diesen entgegenzutreten, sollten die Hebammen und Geburtshelfer nicht nur auf die durchzuführenden praktischen Handlungen vorbereitet sein, sondern auch mit spezifischen psychosozialen Krisen kurzfristig umgehen können. In besonderen Situationen kann das medizinische Personal auch von Simulationsübungen profitieren. Eine konstante Überwachung der Systeme, Ausrüstung und von Protokollen ist wichtig. Ist die Ausrüstung für die fetale Reanimation in Ordnung und leicht zugänglich? Ist ein Defibrillator für den Fall eines maternalen kardiovaskulären Problems verfügbar (Thrombose und Pulmonalinfarkt sind führende Ursachen bezüglich der mütterlichen Mortalität)? Ein Training für viele verschiedene unvorhersehbare Akutsituationen kann für den Fall günstig sein, dass in einem modernen Kreiszimmer aus einer normalen Situation eine dramatische wird.

UNBERECHENBARE REAKTIONEN DER ELTERN

Die Reaktionen der Eltern, die bei einer Reanimation ihres Neugeborenen zusehen müssen, können emotionell vielschichtig sein. Einige Eltern beschreiben dies später als völliges Unverständnis, einem Gefühl von Realitätsferne, als ob sie eine Situation erleben würden, die eigentlich nicht geschehen kann. Andere beschreiben es als eine Art Taubheit oder Paralyse. Manche können heulen, schreien oder zornig sein. Andere wiederum sind ungewöhnlich freundlich, eine Manifestation der Isoliertheit bzw. der momentanen Distanz zu einem derart unakzeptierbaren Ereignis.

Konfrontiert mit derart unterschiedlichen Emotionen, sollten sich die beteiligten Hebammen und Geburtshelfer unbedingt sofort um die betroffenen Personen umfassend kümmern und sie im Rahmen der sich entwickelnden Tragödie so weit es geht unterstützen. Beispielsweise einfach nur die Hand des Vaters halten, kann später als eine wichtige beruhigende Geste angesehen werden. Die Wiederholung eines tröstenden Satzes wie: „Die Ärzte kümmern sich intensiv um Ihre(n) Sohn (Tochter)“ kann dazu beitragen, die Emotionen der Eltern zu besänftigen und eventuelle unkontrollierte Wut- oder sogar Gewaltanfälle vermeiden helfen. Wahrscheinlich sind, während die Reanimation stattfindet, auch Worte wie „Es tut uns so leid“ mit einer gewissen Beruhigung verbunden. Und wenn die Reanimation erfolgreich ist oder auch nicht, diese mitfühlenden Worte werden später häufig als Maßstab für den medizinischen Einsatz bei den Interventionen erinnert.

WER IST VERANTWORTLICH?

Verständlicherweise erfordern derartige unvorhergesehene medizinische Ereignisse eine gewisse instinktive, aber meist unkoordiniert wirkende Reaktion der beteiligten Personen. Stellen Sie sich einen Fall einer Geburt vor, wo das Neugeborene keine respiratorische Aktivität zeigt. Möglicherweise wurde eine Episiotomie geschnitten, die weiter blutet und die Plazenta hat sich gelöst und auch das führt zu einer zusätzlichen Blutung. Der Vater, der die Reanimation seines Kindes beobachtet, beginnt in dem Moment panisch zu reagieren, als weitere Ärzte herbeigerufen werden. Andere müssen sich aber weiter auf die Mutter und ihre Probleme konzentrieren. Der Schrei des Vaters, was denn eigentlich falsch läuft, wird womöglich gar nicht gehört. Irgendjemand ruft laut: „Sofort Pädiater her!“ und alles erscheint Außenstehenden als völliges Durcheinander.

In diesem Moment muss eine Person die Verantwortung übernehmen, den Überblick über alle Aktivitäten haben und mehrere Aufgaben zur gleichen Zeit erledigen. Braucht das Neonatologen-Team zusätzliche Spezialausrüstung? Wenn der Geburtshelfer oder die Hebamme bei der Reanimation helfen, wer kümmert sich um die Mutter und ihre Blutung? Und wer kontrolliert die Kommunikation unter den verschiedenen Teams? Und schließlich: Wer dokumentiert letztlich die Abfolge der Ereignisse?

Während einer Reanimation ist die Kommunikation in verkürzten Fachausdrücken, Abkürzungen bezüglich des jeweiligen Status und benötigter Hilfsmittel und manchmal natürlich auch Ausdrücken der Frustration und Angst zwischen den beteiligten Personen üblich. Die Familienangehörigen werden unabsichtlich Zeugen dieser Kommunikation, auch wenn sie die Bedeutung nicht immer verstehen. Was sie hören, wie sie das Gehörte interpretieren und woran sie sich später erinnern können, muss aber nicht akkurat sein. Ein selektives Hören wird nach Tagen, Wochen oder sogar Jahren häufig von Familienangehörigen angegeben, wenn sie Zeugen einer erfolgreichen oder – im schlimmeren Fall – nicht erfolgreichen Reanimation ihres Kindes waren.

Die Person, die sich um die Familie kümmert, muss auf die Äußerungen hören und sie eventuell auch im Laufe der Entwicklung erklären. Parallel dazu sollte sie jede Phase der Reanimation auch für die Krankengeschichte dokumentieren. Wann war die Geburt? Welche Maßnahmen wurden bei der initialen Reanimation durchgeführt? Wie viel Zeit ist seit Beginn der Reanimation verstrichen? Diese genaue Aufzeichnung der einzelnen Ereignisse kann für die beteiligten Pädiater, Geburtshelfer oder Hebammen, die die Entscheidung treffen, wie lange reanimiert wird, wann an weitere Personen übergeben wurde oder welche zusätzliche respiratorisch oder kardial unterstützende Medikation verabreicht wurde, wichtig werden. Die Dokumentation der Ereignisse und zeitlichen Abläufe ist auch wichtig in Bezug auf die Perzeption dieser Ereignisse durch die Familienangehörigen. Es ist oft notwendig, diese Perzeption durch die Familie während einer Reanimation auch mit den tatsächlichen Ereignissen zu vergleichen, um die Reanimation letztlich abzuschließen.

RETROSPEKTIVE BETRACHTUNG DER EREIGNISSE

Selektives Hören, Missverständnisse, Gefühle der Unzulänglichkeit, Bedrohung durch den Verlust, Wut, Schmerzgefühle oder Depressionen, all das können verständliche Reaktionen auf die 30 Minuten der Reanimation eines Neugeborenen sein, wenn ein antizipiertes freudiges Ereignis in einer Krisensituation eskaliert – unabhängig davon, ob die Reanimation erfolgreich ist oder nicht. Noch Jahre später erinnern sich die Eltern an eindringliche Details ihrer Version der Ereignisse, wo Personen gestanden sind, wer was gesagt hat und wie die Ärzte auf die verzweifelte Situation ihres Neugeborenen reagierten. Welche Maßnahmen können ergriffen werden, damit die meisten Familienmitglieder eine einigermaßen akkurate Erinnerung an die meist kurze, aber dramatische Situation aufweisen, auch wenn man den emotionellen Schmerz, den eine derartige Situation natürlich bringt, nicht vollkommen nehmen kann?

Es gibt mittlerweile schon ausreichend Literatur, wie nach dem Tod eines Neugeborenen mit Familienmitgliedern kommuniziert werden sollte. Die Prinzipien, der Wert von entsprechenden Beratungstechniken, Sammeln von Erinnerungsstücken, die Rolle ärztlicher Mitarbeiter, Geistlicher und von Personen aus dem Bestattungswesen – um nur einige Aspekte zu nennen – waren alle das Ergebnis persönlicher Erfahrungen von trauernden Familien, die diese im medizinischen Umfeld gemacht haben. Auf diesem gemischten psychologischen und physiologischen Gebiet haben die Betroffenen den medizinisch Handelnden viel gelehrt.

Ein Prinzip, das allerdings selten hervorgehoben wird, ist, dass ein geeigneter Abschluss der betreffenden Reanimation ein wichtiger Schritt zur Gewinnung einer Basis während des weiteren, stationären Aufenthalts, der postpartalen Monate und der späteren Jahre ist. Unabhängig vom Ausgang sollte jeder Familie, die die Situation einer Reanimation eines Neugeborenen erlebt hat, eine eingehende, ehrliche Diskussion irgendwann in den ersten Tagen nach dem Ereignis angeboten werden, in der die Details und der Zeitablauf der Reanimation und Aspekte der selektiven Wahrnehmung zum Ausdruck kommen sollten. An dieser Diskussion sollten der beteiligte Geburtshelfer oder die Hebamme oder Schwester und die Eltern sowie sogar weitere Familienangehörige wie Großeltern des Kindes (Personen, die oft in der Trauer- und posttraumatischen Beratung vergessen werden) teilnehmen. Es sollte auch eine strukturierte Beratung und kein vorgegebenes Zeitlimit geben. Die Bedürfnisse der Familie müssen die Dauer der Beratung bestimmen.

Zunächst sollten Details bezüglich der Wehen und Entbindung und der Reanimation in für die Familie verständlichen Worten ausreichend dargestellt werden. Dann sollte der Ablauf der medizinischen Entscheidungen (wann und wie die Reanimation ausgeführt wurde, wie lange sie dauerte und wann und weshalb sie beendet wurde) erklärt werden. Ein sehr wichtiger Aspekt ist auch die Frage nach den Eindrücken, die Familienmitglieder von diesem Ereignis hatten.

  • Waren sie verängstigt oder verwirrt?
  • Kannten sie die Namen oder zumindest die professionellen Zuständigkeiten von jedem der handelnden Personen, die bei der Reanimation ihres Kindes dabei waren?
  • Konnten sie Dinge hören oder beobachten, die sie als störend empfanden?
  • Haben sie das Gefühl, dass alles Mögliche getan wurde oder haben sie das Gefühl, dass noch mehr für ihr Kind getan hätte werden können?
  • Sind sie zornig und wenn ja, worauf richtet sich ihr Ärger?
Beachten Sie, dass Fragen wie diese unangenehm sind. Die Antworten der Familie können auch medizinische Personen beunruhigen, insbesondere in Fällen, in denen die Eltern feststellen, dass mehr getan hätte werden können, das Problem zu antizipieren oder zu behandeln. Diese Gefühle zu erfragen – auch wenn sie ängstigend erscheinen mögen – ist die Basis für zukünftiges Vertrauen. Eine offene, ehrliche Mitteilung zwischen den betroffenen Patienten und dem ärztlichen Personal ist die wichtigste Komponente der Kommunikation zwischen diesen Gruppen. Wenn keine Aufarbeitung angeboten wird, kann dies andererseits zu Verdachtsmomenten, Misstrauen oder Ärger bei der Familie führen. Eine gerichtliche Auseinandersetzung kann auch aus dem Fehlen einer ehrlichen und offenen Kommunikation resultieren.

Das Zusammentreffen aller handelnden Personen bei einer derartigen Beratungskonstellation hat aber noch eine weitere, ebenso wichtige Funktion. Es betrifft die essentielle Frage: „Wer kümmert sich um die medizinisch handelnden Personen?“ Auch das medizinische Personal zeigt menschliche Gefühle, Kränkung, Gefühle der Unvollkommenheit oder sogar der Bedrohung, wenn wir unsere Unfähigkeit, alle Aspekte durch medizinische Technologien oder Interventionen kontrollieren zu können, bedenken.

Der Tod eines Neugeborenen lässt niemanden kalt. Aber mit wem teilen wir unsere Gefühle? Ein gemeinsames Beratungsgespräch hilft auch diesen Prozess zu beginnen. Mediziner verlieren rein gar nichts, wenn sie ihre Betrübnis, ein Gefühl der Unzulänglichkeit oder tiefe Betroffenheit über eine erfolglose Reanimation eines Neugeborenen auch ausdrücken. Diese Empathie unterstreicht die Tatsache, dass viele Aspekte unseres Tuns eher eine Kunst als eine Wissenschaft sind. Ein mitfühlender, humaner Charakter ist die stärkste Kraft in vielen Aspekten der Medizin. Medizin ist eine Verbindung von der biologischen Wissenschaft und der Humanität. In einer Krisensituation wie dem Versuch der Reanimation – und besonders bei erfolgloser Reanimation – führt die emotionelle Anteilnahme eher zur gemeinsamen Bewältigung, als sie zu behindern.

VIDEOAUFNAHMEN

Was ist schließlich von Videoaufnahmen während der Wehen und der Geburt zu halten? Es ist nicht zu leugnen, dass eine gewisse Konkurrenz und der Wunsch der Patienten viele Institutionen bewogen haben, Videoaufnahmen zu erlauben, damit Ton und Film einer Geburt verfügbar sind. In Ihrer Abteilung ist es sicherlich auch erlaubt. Es gibt jedoch ein Argument gegen routinemäßige Videoaufnahmen von der Geburt. Die ubiquitäre Videoaufnahme im Kreissaal hat in den meisten Fällen das erste Foto vom Kind verdrängt. Man kann allerdings erwidern, dass durch eine Videoaufnahme der glückliche Moment mit allen Geräuschen inklusive der Geburtslaute und des ersten Anblicks des Neugeborenen aufgezeichnet wird.

Unglücklicherweise kann dieser „normale“ glückliche Ablauf sich unerwartet in eine medizinische Notfallsituation verwandeln. Was ist dann die Rolle der familiären Videokamera? Sicherlich war sie nicht beabsichtigt, um ein echtes Drama wie eine Reanimation aufzuzeichnen. Väter und Großeltern wollten nur die Ankunft eines neuen Familienmitglieds betrachten. Wenn sich die Situation unglücklicherweise zum Schlechteren wendet, kann die Videoaufzeichnung als eine Art Verletzung oder Eingriff gesehen werden, der unkontrollierbare unerwartete Ereignisse mit unbekanntem Ausgang aufzeichnet. Videoaufzeichnungen sind zunächst leidenschaftslos und halten jede Aktion und jedes geäußerte Wort in einer Krisensituation fest. Während einer Krisensituation müssen die handelnden Personen oft rasch und inkomplett kommunizieren und das wird natürlich ebenfalls als Ton mitgeschnitten. Auch die Farbwiedergabe ist bei Videoaufzeichnungen unterschiedlich. Alle Neugeborenen sind zunächst aufgrund der Umstellung vom plazentaren auf den Neugeborenen-Kreislauf durch die periphere Zyanose gekennzeichnet. Eine Missinterpretation der Filmaufzeichnung verbunden mit selektiven Tonaufzeichnungen vom medizinischen Personal, das sich verzweifelt in einer Reanimation um Leben und Tod befindet, bringt weder für die Familie noch für das medizinische Personal irgendwelche Vorteile. Außerdem leben wir leider in einer prozesssüchtigen Zeit. Videokameras werden beispielsweise an der University of Rochester Medical Center nur während der Wehen und nach der Geburt bei stabilen Neugeborenen erlaubt. Fotos können während der Geburt selbst gemacht werden und man hält dies für ethisch vertretbar in Bezug auf den Wert der Dokumentation für die Familie und auch im Hinblick auf die Tatsache, dass es in der Geburtshilfe kritische Momente gibt. Diese Krisensituationen müssen in erster Linie durch das medizinische Personal gelöst werden, das unbelastet durch die Angst vor einem Prozess oder der Missinterpretation eines Amateurfotografen sein sollte.

ZUSAMMENFASSUNG

Zusammenfassend reflektiert die Modernisierung der Kreiszimmer das offensichtliche Interesse an einer Rückkehr zum traditionellen Milieu bei der Geburt. Vor nicht allzu langer Zeit wurde noch zu Hause entbunden und die gesamte Familie und auch weitere Angehörige waren miteinbezogen. Unter diesen Umständen konnten manchmal die Familienmitglieder auch kritische Situationen oder sogar fetale und neonatale Todesfälle miterleben. Mit der zunehmenden Durchführung von Geburten im Spital bzw. Geburtshäusern wurde die Rolle der Familie während der Geburt abgegrenzter und geringer. Familienmitglieder wurden teilweise involviert, wenn der Geburtsfortschritt normal war. Konfrontiert mit dem Risiko eines ungünstigen Ergebnisses werden Familienmitglieder meist noch weggeschickt, um ihnen den Schrecken und das Chaos einer Geburt zu ersparen, die plötzlich schief läuft.

Heute gibt es in der Geburtshilfe im Spital einen Paradigmenwechsel. Eine Familien-zentrierte Geburtshilfe im Spital ist sowohl für das medizinische Personal als auch für die Schwangeren relativ neu. Konsequenterweise sollten Aspekte wie die Beobachtung einer Geburt von einem deprimierten Neugeborenen, das eine Reanimation benötigt, für die neue Generation auch neu geregelt werden. Dieser Prozess wird seine Zeit, Anstrengungen und Überlegungen benötigen. Er wird auch eine Erweiterung der geburtshilflichen Fähigkeiten für neue psychologische Herausforderungen beinhalten. Wenn er entsprechend bewältigt wird, kann das medizinische geburtshilfliche Personal eine enorm wichtige Rolle in der Maximierung der sozialen Aspekte eines Familien-zentrierten Kreiszimmers spielen und trotzdem Richtlinien und Überblick vermitteln, wenn Unvorhergesehenes passiert.

REFERENZLITERATUR
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  12. Zottoli EK (1998). Neonatal resuscitation: Making the case for family presence. Lifelines 2: 70 72.
Copyright© 2008 University of Rochester Medical Center
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