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  Fall Nr. 774 - AKTUELLE STRATEGIEN ZUR PRÄVENTION DER FRÜHGEBURT

PeriFACTS
Fall Nr. 774
FALL: AKTUELLE STRATEGIEN ZUR PRÄVENTION DER FRÜHGEBURT
Editor-in-Chief:
James R. Woods, Jr., M.D.
Überarbeitung:
Univ. Prof. Dr. Christian Egarter
Universitätsklinik für Frauenheilkunde
Abteilung für Forschung und Ausbildung

Lernziele für den STRONG-PeriFACTS-Fall Nr. 774:
Nach dem Durcharbeiten sollte der Leser fähig sein,

  • die sich verändernde Epidemiologie und die Risikofaktoren der spontanen sowie medizinisch indizierten (iatrogenen) Frühgeburt zu verstehen,
  • über die sich verändernden Theorien zu sprechen, die aufzeigen, dass die meisten spontanen Frühgeburten die gleichen Symptome zeigen wie andere komplexe Erkrankungen, z.B. Herzkrankheiten,
  • die Auswirkungen der späten Frühgeburt (34. bis 36. SSW) zusammenzufassen,
  • zu beschreiben, wie die genetische Forschung zu wichtigen Ergebnissen auf dem Gebiet der vorzeitigen Wehentätigkeit führt.

HINTERGRUND

Trotz jahrzehntelanger Forschung und Ausarbeitung zahlreicher Programme zur Reduzierung vorzeitiger Wehen und Frühgeburten steigt der Prozentsatz der frühzeitig geborenen Kinder ständig und hat 2005 in den USA einen Höchstwert von 12,7% erreicht. Das sind etwa 520.000 Frühgeburten von insgesamt 4,1 Millionen Geburten oder mehr als 1 von 8 Geburten. Der 30%ige Anstieg der Frühgeburten in den letzten beiden Jahrzehnten, der vor allem auf ein Ansteigen in den späteren Schwangerschaftswochen (34. bis 36. SSW) zurückzuführen ist, unterstreicht die Fülle an komplexen Faktoren, die mit einer Frühgeburt verbunden sind. Eine Frühgeburt ergibt sich entweder durch spontane vorzeitige Wehen, die nicht verhindert werden können und gelegentlich auch nicht verhindert werden sollten, oder entsteht aufgrund einer medizinischen bzw. geburtshilflichen Indikation. Es gibt allerdings zunehmend auch den Trend, einen Geburtstermin auf der Basis persönlicher Überlegungen festzulegen, wodurch eine unnötige Erhöhung der Frühgeburtsrate erzielt wird. Es sollte jeder Versuch unternommen werden, eine „vermeidbare“ Frühgeburt zu verhindern; das erfordert die Integration neuer Methoden in die tägliche Praxis und eine professionellere Handhabung, um das wichtigste Problem der Geburtshilfe zu reduzieren. Diese Aufgabe wird durch wesentliche Änderungen im klinischen Alltag und neue Forschungsergebnisse, die eine große Herausforderung für die Ärzte darstellen, die mit allen Neuerungen Schritt halten wollen, komplexer. Dieser Artikel widmet sich der sich ändernden Rolle des Geburtshelfers bei der Vermeidung der Frühgeburt.

DAS PROBLEM FRÜHGEBURT

Die Frühgeburt ist ein ernstes Problem. Frühgeborene Babys haben ein erhöhtes Risiko für Komplikationen wie Atemnotsyndrom (RDS), intraventrikulare Blutung (IVH), Infektionen und Apnoe sowie dauerhafte Schäden wie geistige Retardierung, Zerebralparesen, pulmonale und gastrointestinale Probleme, Seh- und Hörverlust und auch eine erhöhte Mortalität. Tatsächlich ist die Frühgeburt in den USA seit 1999 die Hauptursache für die neonatale Mortalität aller ethnischen Gruppen. Jahrzehntelang ist sie der Hauptgrund für die Kindersterblichkeit schwarzer afrikanischer und amerikanischer Kinder und für mehr als ein Drittel aller Todesfälle von Kindern seit 2004 verantwortlich. Die meisten Untersuchungen zeigen signifikante Unterschiede bei der Anzahl der Frühgeburten (Abb. 1) und der Mortalität (Abb. 2) je nach Rasse/ethnischer Gruppe. Die höchste Rate gibt es normalerweise bei schwarzen Kindern, gefolgt von amerikanischen und lateinamerikanischen Ureinwohnern, mit niedrigeren Zahlen bei nicht lateinamerikanischen Weißen und amerikanischen Asiaten. Biologische Prädisposition und umweltbedingte Risikofaktoren unterstreichen die bestehenden Unterschiede.





DEFINITION DER FRÜHGEBURT

Basierend auf den Definitionen der World Health Organization (WHO) und der American Academy of Pediatrics (AAP) aus den 50er Jahren ist die Frühgeburt eine Lebendgeburt ab der 20. SSW und vor Vollendung der 37. SSW oder die Geburt drei oder mehr Wochen vor dem Geburtstermin. Innerhalb der Kategorien der Frühgeburt sind die häufigsten Untergruppen die späte Frühgeburt (definiert als 34. bis 36. SSW) und die frühe Frühgeburt (<32. SSW).

Bei jeder Schwangerschaft ist ein frühzeitiges Bestimmen des Geburtstermins wesentlich, da Entscheidungen im Hinblick auf Risiko und Nutzen von einer gut dokumentierten Aufzeichnung der Menstruationen oder einem frühzeitig durchgeführten Ultraschall abhängen. Je später ein Ultraschall durchgeführt wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit eines Fehlers beim Bestimmen des Geburtstermins.





ARTEN DER FRÜHGEBURT

Traditionellerweise wird die Frühgeburt als spontan oder medizinisch indiziert (iatrogen) beschrieben. Die Literatur berichtet über spontane Frühgeburten in 75% der Fälle (entweder aufgrund idiopathischer vorzeitiger Wehen oder eines frühzeitigen Blasensprungs [preterm premature rupture of membranes, PPROM]) und iatrogene Frühgeburten in 25% der Fälle (aufgrund medizinischer oder geburtshilflicher Indikationen). Allerdings steigen die Zahlen iatrogener Frühgeburten aufgrund einer veränderten Einstellung zur Schwangerschaft. Die Mehrheit iatrogener Frühgeburten ist das Ergebnis medizinischer/geburtshilflicher Indikationen. Diese Tendenz führt zu einer wachsenden Gruppe von Risikoschwangerschaften – Frauen, die relativ spät Mutter werden und Probleme wie Adipositas, Diabetes, Präeklampsie oder Infertilität haben oder entwickeln, führen zu einer größeren Zahl von Mehrlingsschwangerschaften. Es gibt allerdings zunehmend Geburten, die terminlich vorgeplant werden und dadurch auch die Zahl der Frühgeburten beeinflussen.

RISIKOFAKTOREN FÜR DIE FRÜHGEBURT

Es wurden viele Risikofaktoren festgestellt, die zur steigenden Zahl der Frühgeburten führen. Leider weisen viele dieser Faktoren einen niedrigen positiven Vorhersagewert auf, weshalb in der Vergangenheit entwickelte Risikoscores im besten Fall nur etwa die Hälfte der Frauen erkennen, die auch tatsächlich eine Frühgeburt haben werden. Die besten prognostischen Risikofaktoren sind in der folgenden Liste kursiv gedruckt.

  • Frühgeburt oder vorzeitige Wehentätigkeit in der Anamnese (je öfter dies vorkommt, desto größer ist das Risiko)
  • Mehrlingsschwangerschaft (mehr als 50% der Zwillingsschwangerschaften und 95% der höhergradigen Mehrlinge sind Frühgeburten)
  • Pathologie von Uterus, Zervix oder Plazenta
  • Unter 17 oder über 35 Jahre
  • Niedriger Bildungsgrad der Mutter
  • Niedriger sozioökonomischer Status
  • Schwarze Hautfarbe
  • Ungeplante oder unbeabsichtigte Schwangerschaft
  • Kurze Abstände zwischen den Schwangerschaften
  • Unbehandelte Scheiden- oder Harnwegsinfektionen. Im 21. Jahrhundert verlaufen mehr als die Hälfte aller bakteriellen Infektionen inklusive 80% der Chlamydieninfektionen und >90% aller viralen Infektionen asymptomatisch.
  • Schwangerschaftskomplikationen wie Präeklampsie oder Blutungen
  • Bestehende chronische Erkrankungen wie Diabetes mellitus und Hypertonie
  • Rauchen
  • Alkoholgenuss
  • Medikamentenmissbrauch
  • Eingriffe an der Zervix in der Anamnese (LEEP, Konisation)
  • Folsäuremangel
  • Mütterlicher Stress, vor allem zu Beginn der Schwangerschaft, chronischer Stress und Stress aufgrund von Faktoren, welche die Frau nicht beeinflussen kann (z.B. häusliche Gewalt, Katastrophen, Rassismus)
  • Inadäquates Schwangerschaftsgewicht oder inadäquate Gewichtszunahme während der Schwangerschaft
  • Adipositas, exzessive Gewichtszunahme während der Schwangerschaft
Diese Liste wurde aufgrund kürzlich veröffentlichter Genomforschungsdaten ausgeweitet, in denen über neue Risiken für die spontane Frühgeburt berichtet wurde:
  • Mütterliche oder fetale genetische Prädisposition wird als einer der wichtigsten Risikofaktoren betrachtet.
  • Frauen, die als Frühgeburt zur Welt gekommen sind, entbinden selbst häufiger vor dem Geburtstermin.
  • Ungefähr 20% der Frauen, die eine Frühgeburt entbinden, hatten vorher eine Frühgeburt mit demselben Partner. Die Erblichkeit der Frühgeburt wird auf 17 bis 36% geschätzt. Wechselnde Partner senken das Risiko um ein Drittel.
  • Genetische Polymorphismen im Tumor-Nekrose-Faktor (TNF) α scheinen ein sehr konsistenter Risikofaktor für eine Frühgeburt zu sein.
Alle diese Studien betonen jedoch, dass umweltbedingte (z.B. Infektion, Stress, Adipositas, Medikamentenmissbrauch) und genetische Risikofaktoren auf ähnliche Stoffwechselwege wirken.

DAS DILEMMA DER SPÄTEN FRÜHGEBURT (früher als Geburt in Terminnähe bezeichnet)

Die Mehrheit (etwa 75%) aller Frühgeburten erfolgt zwischen der 34. und 36. SSW. Die steigende Zahl in diesem Zeitrahmen treibt die Gesamtzahl der Frühgeburten in die Höhe (Abb. 4). Als Gesamtgruppe gibt es weniger Todesfälle und schwerwiegende Komplikationen als bei Frühgeburten in früheren Schwangerschaftsabschnitten. Da es so viele späte Frühgeburten (>400.000 Kinder im Jahr 2005) gibt, beeinflussen sie nachhaltig das Gesundheitssystem. Viele Faktoren haben in dieser Gruppe zu einer steigenden Zahl geführt.
  • Veränderte Trends des Kinderbekommens
    • Mehr Hochrisikoschwangerschaften
      • Höheres Alter von Mutter/Vater
      • Chronische Probleme
      • Mehrfachgeburten, Infertilitätsbehandlungen
      • Adipositas, Diabetes mellitus (Schwangerschaftsdiabetes), Präeklampsie
    • Präferenzen/Autonomie
      • Planen der Geburt, Planen des Geburtstermins
      • Elektive Einleitung
      • Kaiserschnitt auf Wunsch der Mutter
  • Veränderungen in der klinischen Praxis (mehr Eingriffe)
    • Möglichkeit der Verabreichung von Steroiden in der 24. bis 34. SSW
    • Erhöhte Überlebensrate nach der 34. SSW (fast 100%)
    • Rechtliches Umfeld, Angst vor Klagen, Defensivmedizin
      • Basierend auf einem Bericht des American College of Obstetricians and Gynecologists (ACOG) zur Haftpflicht aus dem Jahr 2006 wurden 89,2% (79,1% im Jahr 2003) der Geburtshelfer/Gynäkologen in einem Schadensfall genannt, im Durchschnitt 2,6 x pro Berufskarriere, was viele Ärzte veranlasst, nur mehr als Gynäkologen tätig zu sein.
    • Änderungen der „Risikotoleranz“
    • Änderungen im Erstattungssystem


Trotz all dieser Faktoren könnte dieser Trend zur Frühgeburt umgekehrt werden. Zum Beispiel kann ein striktes Befolgen der ACOG-Richtlinien, dass vor der 39. SSW kein elektiver Eingriff oder Kaiserschnitt durchgeführt werden soll, wenn nicht die fetale Lungenreife nachgewiesen ist, eine Reduzierung der späten Frühgeburten bewirken. Diese Trendwende könnte durch Implementierung von Protokollen im Spital, Besprechung der Fälle und Nachverfolgen der Fälle erreicht werden. Der seit kurzem auf die Patientensicherheit gerichtete Fokus mit der Führung von Protokollen und Befolgung von Richtlinien hat bereits zu einer Reduzierung unnötiger geburtshilflicher Eingriffe geführt. Zusammen mit den neu herausgegebenen Informationen für Patientinnen über die Risiken einer späten Frühgeburt für das Baby könnten mehr Frauen motiviert werden, ihre Schwangerschaft bis zur 40. SSW fortzusetzen, wenn nicht triftige Gründe für eine frühere Geburt sprechen. Gesundheitsbehörden können auch aktiver sein, wenn im letzten Schwangerschaftsmonat ohne medizinischen oder geburtshilflichen Grund entbunden wird.

Die Herausforderung besteht darin, dass sich die Einstellung, die Schwangerschaft bis zum Geburtstermin auszutragen – es sei denn, es besteht ein Zervixfaktor und/oder es gibt Komplikationen bei der Mutter –, insofern geändert hat, als es den meisten Neugeborenen, die die 34. SSW erreicht haben, gut geht. Die im Jahr 2005 stattgefundene NICHD-Konferenz lieferte einerseits die passende Terminologie zur „späten Frühgeburt“, andererseits gibt es vielfältige Untersuchungen, die entsprechende Argumente für Kliniker bereithalten. Diese unterstreichen die Tatsache, dass späte Frühgeburten immer noch Frühgeburten sind. Obwohl die meisten Neugeborenen routinemäßig auf den Kinderstationen entsprechende Pflege erhalten und ein geringes Risiko haben, werden gelegentlich Probleme bei Frühgeborenen übersehen, bis eine Krankheit weiter fortgeschritten bzw. symptomatisch ist oder sie werden entlassen und haben in der Folge zu Hause gesundheitliche Probleme. Aus verfügbaren Daten geht hervor, dass Frühgeburten in der 34.– 36. SSW im Vergleich zu Termingeburten häufiger unter Folgendem leiden:
  • Aufnahme in die neonatale Intensivstation
  • Niedriger Apgar-Wert bei der Geburt
  • Atemnotsyndrom einschließlich Atemversagen
  • Hypoglykämie
  • Probleme bei der Nahrungsaufnahme
  • Instabile Temperatur
  • Apnoe
Späte Frühgeburten stellen beispielsweise bereits den Hauptanteil aller Neugeborenen auf den neonatalen Intensivstationen dar, sind für den Großteil der Kosten verantwortlich und nehmen die meisten neonatalen Beatmungsgeräte in den USA in Anspruch.
Sie werden im ersten Lebensjahr viel wahrscheinlicher hospitalisiert als Termingeborene und sterben dreimal häufiger vor ihrem ersten Geburtstag und zweimal häufiger am plötzlichen Kindestod (SIDS) als Termingeborene. Das Gewicht des fetalen Gehirns beträgt in der 34. SSW nur 65% des vollentwickelten Gehirns. Viele andere Funktionen, die vom Kleinhirn und der Großhirnrinde gesteuert werden, sind bei Frühgeburten in der 34.–36. SSW noch nicht ausgereift, wodurch sie im Vergleich zu termingerecht geborenen Kindern ein viel höheres Risiko für Krankheiten wie Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHD) haben und Lern- sowie Verhaltensprobleme zeigen können.

PATHOPHYSIOLOGIE

Von der rein mechanischen Seite können heute die vielen, oftmals sich überlappenden Ursachen vorzeitiger Wehen besser verstanden werden. Die meisten Forscher sind sich einig, dass – wie bei Herzkrankheiten – die häufigste Ursache für vorzeitige Wehen wahrscheinlich eine Entzündung ist, aber eine klinische Infektion oder Infektionsmarker (wie mütterliches Fieber, hohe Leukozytenzahl) müssen nicht unbedingt gegeben sein. Stattdessen können erhöhte Entzündungszytokine wie TNF-α, Interleukine und spezifische Matrix-Metalloproteinasen (MMP) Schlüsselmarker dieser Ursache sein. Außerdem muss die Entzündung nicht immer auf aszendierendem Weg erfolgen. Bei einigen Frauen kann eine Parodontitis oder eine andere Infektionsquelle die Ursache darstellen. Die vermuteten Gründe sowie potenzielle Biomarker für eine Entzündung oder andere Ursachen einer vorzeitigen Wehentätigkeit (meist lassen sich bei einer Schwangerschaft mehrere Ursachen finden) sind:
  • zu 40% Entzündung/Infektion (aszendierend), Zytokine
  • zu 25% mütterlicher/fetaler Stress
  • zu 25% Blutungen (deziduale Blutung, Plazentalösung, Thrombophilien)
  • zu 10% abnorme Dehnung des Uterus, Polyhydramnion
Die Forschung hat darüber hinaus noch andere Ursachen festgestellt wie Empfindlichkeit gegenüber Umwelttoxinen, die auf spezifischen genetischen Polymorphismen basiert. Einige Frauen, die schwanger sind und rauchen oder an einem verrauchten Arbeitsplatz arbeiten, erleiden eine Frühgeburt und haben viel kleinere Kinder als Frauen unter den gleichen Umweltbedingungen ohne biologische Prädisposition. Andere Forschungsarbeiten zu genetischen Varianten haben eine potenzielle Verbindung mit einem Gen hergestellt, das für normales Kollagen (SEPINH1) und damit den vorzeitigen Blasensprung verantwortlich ist. Wenn eine Frau eine genetische Variante aufweist, entstehen bei ihr viel eher geschwächte fetale Membranen und sie hat dadurch eher eine Frühgeburt als eine Frau ohne diese Prädisposition. Die Biomarker können lange vor der Schwangerschaft bestimmt werden, da sie sich nicht ändern. Man kann nur hoffen, dass Perinatalmediziner solche Marker verstärkt einsetzen können, um die Risiken zu identifizieren, eine entsprechende Überwachung zu betreiben und Interventionen individuell festzulegen.

In den USA wurde vom „March of Dimes“ und von Experten, die sich mit Frühgeburten (<32. SSW) beschäftigen, folgende Prioritätensetzung für die Frühgeburt empfohlen:
  1. Populationsstudien zur Feststellung häufiger Risikofaktoren bei Frauen, die bereits eine Frühgeburt hatten
  2. Studien zur Rolle der Gene und Interaktionen von Genen mit Lebensstilfaktoren wie Rauchen
  3. Studien, um festzustellen, warum Afroamerikaner und andere Gruppen eine höhere Frühgeburtenrate aufweisen
  4. Studien zur Untersuchung der Rolle von Infektionen und wie der Körper auf Infektionen reagiert
  5. Studien zur Untersuchung der Rolle von Stress bei Frühgeburten
  6. Klinische Studien zu neuen möglichen Therapien
DIAGNOSE

Die Diagnose der vorzeitigen Wehen wird bei mindestens sechs Kontraktionen pro Stunde und nachweisbaren Veränderungen der Zervix gestellt. Es ist wichtig, alle Frauen bis zur 20. SSW über Anzeichen und Symptome vorzeitiger Wehen aufzuklären.



Glücklicherweise haben die meisten Patientinnen, bei denen vorzeitige Wehen festgestellt werden, keine Frühgeburt. Es wird geforscht, um Biomarker zu finden, mit denen eine echte vorzeitige Wehentätigkeit festgestellt werden kann. Derzeit ist der beste Weg zur Optimierung das Befolgen eines standardisierten Protokolls zur Wehenbeurteilung wie das von „March of Dimes“ entwickelte und kostenlos interessierten Ärzten zur Verfügung gestellte Protokoll (unterstützt von der Society of Maternal-Fetal Medicine und California ACOG; siehe www.marchofdimes.com/pretermlabor).

BEHANDLUNG

Obwohl viel getan werden kann, um die Risikofaktoren vor und während der Schwangerschaft zu beeinflussen, gibt es wenige auf Erfahrung beruhende Behandlungen zur Vermeidung einer Frühgeburt. Mehrere Eingriffe, die früher als wirksam angesehen wurden wie Überwachung der Wehentätigkeit über ein Home-Monitoring, prophylaktische Gabe von Antibiotika (über Gruppe-B-Streptokokken hinaus), Cerclage, Bettruhe und sogar einige Tokolytika (Ethanol und seit neuestem Magnesiumsulfat), haben nur begrenzte Wirksamkeit gezeigt. Andere Behandlungsmethoden, die früher als wirkungslos angesehen wurden, werden wieder angewendet, nachdem jüngste Studien ihre Wirksamkeit gezeigt haben. Ein Beispiel dafür ist Progesteron und speziell 17-α-Hydroxyprogesteroncaproat, das ältere Ärzte noch kennen. Im November 2003 wurde die Meinung des ACOG veröffentlicht, die besagte, dass trotz einiger Bedenken bei Einlingsschwangerschaften ab der 16. bis 20. SSW bis zur 36. SSW wöchentlich eine intramuskuläre Injektion von 17-α-OH-Progesteron zur Vermeidung von Frühgeburten angeboten werden kann, wenn die Frauen spontane Frühgeburten in der Anamnese aufweisen. Seitdem haben zusätzliche Studien gezeigt, dass 17-α-OH-Progesteron bei der Vermeidung von Frühgeburten umso wirksamer ist, je früher die vorangegangene Frühgeburt stattgefunden hat. Leider dürfte sich 17-α-OH-Progesteron nicht dazu eignen, die Zahl von Frühgeburten bei Zwillingsschwangerschaften zu senken. In jüngsten Publikationen wird vermutet, dass 17-α-OH-Progesteron von Nutzen sein kann, wenn es bei Hochrisikoschwangerschaften mit verkürzter Zervix zur Vermeidung einer Frühgeburt vaginal verabreicht wird, aber das muss erst bestätigt werden, bevor es für diese Indikation oder andere Hochrisikofälle in der Geburtshilfe angewendet wird. Derzeit laufen zahlreiche Studien mit mehr als 5.000 schwangeren Frauen, die neue Erkenntnisse bringen werden. Ein Hindernis zu seiner Anwendung ist die Tatsache, dass es von der FDA noch nicht zugelassen wurde und eine Apotheke benötigt wird. Außerdem gibt es noch immer viele Geburtshelfer, die 17-α-OH-Progesteron den dafür geeigneten schwangeren Frauen nicht anbieten, obwohl Spezialisten auf diesem Gebiet die Anwendung empfohlen haben.

Kommentar von Univ. Prof. Dr. Christian Egarter
Universitätsklinik für Frauenheilkunde Wien

Der Wert der fetalen Lungenreifung durch Kortikosteroide bei Verdacht auf Frühgeburt ist unumstritten. Die Reduktion des RDS Risikos durch eine antenatale Kortikosteroid-Therapie ist auch im Zeitalter der postpartalen Surfactant Therapie nicht weniger wichtig geworden. Es gibt Hinweise, dass die Kortisontherapie den Effekt der späteren Surfactant Therapie potentiert. Metaanalyse zeigen auch weitere günstige Effekte einer Kortisonbehandlung auf, wie beispielsweise die signifikante Verminderung der nekrotisierenden Enterokolitis, sowie von periventrikulären Blutungen und damit der neonatalen Mortalität insgesamt.

Deshalb hat sich in den meisten geburtshilflichen Zentren in Europa die Kurzzeit-Tokolyse von zumindest 48 Stunden zur Durchführung der kindlichen Lungenreifung durchgesetzt. Als Tokolytikum wird dabei neben den altbekannten ß2-Sympathomimetika auch zunehmend der Oxytocinrezeptor-Antagonist Atosiban (Tractocile®) wegen seiner geringen Nebenwirkungsrate eingesetzt. In vielen Zentren ist auch derzeit noch die Langzeittokolyse zur Verhinderung v.a. der frühen Frühgeburten gebräuchlich.


ANDERE MÖGLICHKEITEN

Eine andere erprobte Methode, die nur einige Minuten erfordert und die Zahl der Babys mit niedrigem Geburtsgewicht und die der Frühgeburten senken kann, sind die 5 Punkte zur Beendigung des Rauchens. Leider kennen viele Ärzte die 5 Punkte nicht oder nehmen sich nicht die Zeit, schwangere Frauen vom Rauchen abzuhalten (eine Gruppe, die in dieser Phase eher ihr Verhalten ändert als zu jedem anderen Zeitpunkt in ihrem Leben). Geburtshelfer könnten viel mehr bewirken, wenn sie Richtlinien zu Medikamentenmissbrauch, Depression und auch bezüglich der Aufdeckung häuslicher Gewalt befolgen, da jeder einzelne dieser Faktoren leicht zu einer Frühgeburt führen kann. Zumindest sollte jede Patientin an Gesundheitsstellen überwiesen werden, die diese Risikofaktoren ansprechen.



ZUSAMMENFASSUNG

Angesichts der massiven Wirkung von Frühgeburten auf die perinatale Morbidität und Mortalität sowie des Einflusses auf den Gesundheitszustand für das weitere Leben sollte der Vermeidung von Frühgeburten in der Gesellschaft und bei allen Geburtshelfern eine hohe Priorität eingeräumt werden. Ein besseres Verstehen der Wehentätigkeit wird unsere Fähigkeit, Risiken vorherzusehen, erhöhen und zur Entwicklung wirksamer Methoden vor und während der Schwangerschaft beitragen. Erste positive Schritte wären eine Zusammenarbeit mit öffentlichen Gesundheitseinrichtungen, Telefonhotlines und auch örtliche Servicestellen gegen Gewalt, die Sicherstellung, dass jedes Mädchen ab etwa 14 a täglich Folsäure einnimmt, das Verständnis für die Bedeutung des Idealgewichts und körperlicher Aktivität wecken – all das wären nur einige der vielen Aktionen, die initiiert werden können. Sobald dieser Zweig der Wissenschaft besser definiert ist, können klinische Studien zur Untersuchung spezieller Eingriffe wie Cerclage, Antibiotika, Tokolytika und sogar Progesteron durchgeführt werden, um festzustellen, welche Patientinnen und welche Art von vorzeitiger Wehentätigkeit den größten Nutzen davon haben könnten.

Bis zu diesem Zeitpunkt muss jeder Geburtshelfer weiterhin die etablierte Behandlung anbieten und sich ständig fortbilden. Die Ärzte müssen mit der Terminologie vertraut sein und die Literatur im „Omics“-Zeitalter verstehen, damit sie die Informationen in einer verständlichen, altersgerechten und kulturell einfühlsamen Art und Weise weitergeben können. Wir sind dies unseren Patienten schuldig. Es sind aufregende und oftmals nicht ganz leichte Zeiten, aber die Richtung steht fest. Wir müssen alles tun, um jede vermeidbare Frühgeburt zu verhindern. Wir werden große Fortschritte erzielen, wenn wir jeden einzelnen Punkt berücksichtigen:
  • Unbeabsichtigte Schwangerschaft
  • Folsäuremangel
  • Alkohol
  • Tabak
  • Illegale Drogen
  • Infektionen (Harnwegsinfektionen, sexuell übertragbare Infektionen, Parodontitis)
  • Extremes mütterliches Körpergewicht
  • Einige Arzneimittel (verschreibungspflichtige, aber auch Hausmittel)
  • Umweltgifte
  • Bekannte genetische/familiäre Risiken
  • Unnötige Eingriffe, die zu einer Frühgeburt führen
  • Zuweisung an Institutionen mit entsprechender Expertise fördern sowie Regionalisierung
REFERENZLITERATUR
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REFERENZWEBSITES
  1. www.marchofdimes.com, also /peristats, /prematurity, /preterm labor, /nursing, /loss, /share
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